Von A24 bis Z #2: „Ginger & Rosa“ – Die Zukunft ist rosig … die Vergangenheit nicht

Auch A24s zweiter vertriebener Film „Ginger & Rosa“ lässt noch nicht auf die spätere Qualität vieler Filme des Studios schließen. Woran mangelt es dem Coming-of-Age-Film mit Elle Fanning?

Kämpfen Ginger (Elle Fanning, l.) und Rosa (Alice Englert, r.) miteinander oder doch eher gegeneinander? BILD: TMDB

Meine Damen und Herren, ich verwette alles darauf, dass ich „Ginger & Rosa“ hätte ertragen müssen, wenn ich 2012 in eine Sneak-Preview gegangen wäre. Das wohl größte Mahnmal dafür ist die nicht enden wollende Masse an Logos, die in der ersten Minute vorbeiziehen, bevor man auch nur eine Sekunde Film erspähen kann. Aber vielleicht sollte man diese darauffolgenden Minuten an Film gar nicht erst erspähen müssen, denn wahrlich erträglich ist „Ginger & Rosa“ nicht.

Wovon handelt „Ginger & Rosa“?

Man folgt den scheinbar unzertrennlichen sowie idealistischen Freundinnen Ginger (Elle Fanning) und Rosa (Alice Englert) im Jahr 1962, die nicht nur gegen ihre Eltern, sondern auch gegen die potenzielle Zerstörung der Welt durch Atomwaffen rebellieren. Doch die beiden Teenagerinnen merken schnell, dass es einiges gibt, was auch die stärkste aller Freundschaften ins Wanken bringen kann – insbesondere dann, wenn gewisse Väter eher mit dem Unterleib als mit dem Oberstübchen denken.

Jetzt zieh doch mal die Kamera weg!

Es gibt sie immer wieder: die anstrengenden Seherlebnisse der Filmlandschaft, die sich vor allem in der Indie-Sektion finden lassen. Wem „Captain Phillips“ zu wackelig war, wird mit „Ginger & Rosa“ auch nicht unbedingt wärmer werden. Unfassbar viele Bilder werden in Nahaufnahmen oder Halbnahen aufgelöst, die auch gerne mal so sehr ins Rütteln geraten, als wäre irgendwo in England ein Erdbeben ausgebrochen.

Als sei diese Unart nicht schon aufreibend genug, um für ein anstrengendes Seherlebnis zu sorgen, kommt hinzu, dass irgendwer (namentlich Sally Potter) in die Jakob-Lass-Schule der Jump Cuts gegangen ist. Hat man sich gerade erst in einer Szene eingefunden, dauert es nicht lange, bis schon wieder das nächste Bild aufgemacht wird. Klar, ist es löblich, dass man versucht, vieles nur mithilfe von Bildern zu erzählen (insbesondere die erste Minute erinnert stark an den Anfang von „Oben“), und ganz vielleicht gilt die Sprunghaftigkeit auch als Metapher für die Unentschlossenheit der Jugend – vielleicht ist aber auch alles ein sehr selbstgefälliger Regiestil.

Ist das schon irreführendes Marketing?

Man nenne mich verrückt (und es gibt sicher die ein oder andere Seele, die das will), aber wenn ein Film „Ginger & Rosa“ heißt, würde ich davon ausgehen, dass man eine Geschichte rund um Ginger und Rosa bekommt. Tatsächlich sieht die Realität aber eher so aus, dass Rosa tatsächlich nicht mehr als ein Appendix in Gingers Geschichte sein darf.

Und zugegeben, man kann froh sein, dass Rosas Vernachlässigung innerhalb der Narration dafür sorgt, dass man meistens nur eine verzogene Teenagerin ertragen muss … dennoch muss man auch zugeben, dass Elle Fanning immerhin gut darin ist, eine solche authentisch darzustellen. Ändert das etwas daran, dass man hier ein Coming-of-Age-Klischee nach dem anderen abarbeitet? Nicht wirklich.

Und auch die Kubakrise schwebt wie ein damoklesschwertartiges Gimmick über diesem Film, das den Anschein erweckt, als fände sie nur in diesem Film statt, damit man sich irgendwie von der damaligen Welle an Coming-of-Age-Filmen abheben konnte. Das gelingt aber nicht, denn die Auswirkungen der Kubakrise sind dem Film ebenso egal wie Rosa … obwohl das nicht vollends stimmt.

„Ginger & Roland“

Wenn der Film Rosa tatsächlich nutzen will, dann ist von Minute 1 an ersichtlich, wohin die Reise gehen soll. Ein Charakter, der bisher vollends unerwähnt blieb, ist Gingers Vater Roland (Alessandro Nivola), den man wohl am ehesten als den Vorboten der performative Male-Epidemie beschreiben kann – zumindest, wenn er real wäre. Roland ist dieses herrliche Klischee eines progressiven, aber emotional nicht verfügbaren Mannes, der seine familiären Verpflichtungen als Nebensächlichkeiten seines sozialen Kampfes ansieht … den er aber auch nicht wirklich kämpft.

Am ehesten kämpft er noch mit seinen sexuellen Gelüsten, die ihn – und jetzt sollten alle aufhören zu lesen, die keine Spoiler für „Ginger & Rosa“ hören wollen – dazu verleiten, mit der minderjährigen Freundin seiner eigenen Tochter zu schlafen. Ein Ereignis, das schlussendlich in einer Schwangerschaft endet.

Und per se ist es okay, dass Roland für diesen Film in etwa die Rolle eines Bösewichts einnimmt (immerhin passiert so mal etwas in 90 Minuten Laufzeit), aber es ist nahezu frustrierend, dass er niemals zur Rechenschaft gezogen wird. Das hängt einerseits damit zusammen, dass der Film nach seinem Höhepunkt einfach endet und die Zuschauenden rätselnd zurücklässt – allen voran mit der Frage, was sie dazu verleitet hat, „Ginger & Rosa“ zu schauen –, liegt aber andererseits daran, dass man scheinbar keine Ahnung hatte, wie man damit umgehen soll.

Man könnte jetzt auch noch erwähnen, dass der Film in den ersten und den letzten fünf Minuten klares Queerbaiting betreibt und impliziert, dass Ginger eventuell Gefühle für Rosa hat. Aber wenn sich „Ginger & Rosa“ nicht die Mühe gibt, diesen Umstand auszuarbeiten, warum sollte ich es tun?

Ein Film, der allerhöchstens für Completer gemacht wurde

Gewissermaßen wundert es mich nicht, dass sowohl „A Glimpse Inside the Mind of Charles Swan III“ als auch „Ginger & Rosa“ nicht mehr unter der offiziellen Liste der A24-Filme auftauchen, denn auch ich würde diese Produktionen voraussichtlich unter den Teppich kehren wollen. Es könnte aber auch einfach daran liegen, dass irgendwelche Rechte ausgelaufen sind.

Schauen muss man „Ginger & Rosa“ aber so oder so nicht, denn nach heutigen Maßstäben und ehrlicherweise auch nach damaligen Maßstäben ist der Ozean voller besserer Coming-of-Age-Geschichten, in denen zwei junge Frauen im Mittelpunkt der Handlung stehen. Spätere A24-Einträge wie „Never Goin‘ Back“ werden diese Aussage auch noch untermauern. Doch bis wir dort ankommen, werden noch viele, viele Wochen vergehen.

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