Lange bevor A24 Oscars und Lob für ihre Filme einfahren konnte, gab es „Charlies Welt – Wirklich nichts ist wirklich“ – einen Film, der beweist, dass auch die besten Produktionsstudios zur Geschmacksverirrung neigen.
Weder Charlie Sheen (Mitte) noch Bill Murray (r.) konnten den A24-Einstand „Charlies Welt“ retten. BILD: TMDB
Meine Damen und Herren, Sie kennen das doch sicher: diesen einen Freund oder diese eine Freundin, die per se noble Intentionen hat, aber schon derartig lange dieselbe Melodie trällert, dass er oder sie Ihnen langsam auf die Nerven geht, oder? Früher wirkte diese befreundete Person noch wie jemand, der oder die die Szene wirklich aufmischen wollte, aber mittlerweile ist sie so in etwa zu einem Schatten ihrer selbst verkommen.
So fühle ich mich manchmal in Bezug auf A24, das eher einer Fast-Food-Maschinerie für Indie-Filme gleicht, statt das junge, wilde Studio zu sein, das es einst war. Aber gerade, weil ich mich gegenüber dieser Firma so fühle, würde mich mal interessieren, wie es eigentlich mittlerweile so weit kommen konnte und welcher A24-Film der beste und welcher der schlechteste ist. Um diese Frage zu beantworten, muss man eine Zeitreise ins Jahr 2012 unternehmen und sich „A Glimpse Inside the Mind of Charles Swan III“ vornehmen – oder „Charlies Welt – Wirklich nichts ist wirklich“, wie wir in Deutschland sagen.
Worum geht es in „A Glimpse Inside the Mind of Charles Swan III“?
Im Grunde genommen hat Charles Swan III (Charlie Sheen) alles. Er ist ein erfolgreicher Werbemann, wohlhabend und unsterblich in seine Freundin Ivana (Katheryn Winnick) verliebt. Doch als diese ihn nach einem Streit verlässt, begibt sich Charles Swan auf einen Selbstfindungstrip, der aufgrund seines mehr als aktiven Vorstellungsvermögens härter wird, als er sein müsste.
Währet den Anfängen – aber ehrt sie nicht!
„Charlies Welt“ wirft viele Fragen auf, aber die wohl größte ist und bleibt, wie A24 überhaupt einen derartig großen Flop überleben konnte. Immerhin kostete der Film 12 Millionen US-Dollar und spielte weltweit gerade mal etwas mehr als 200.000 US-Dollar ein. Darüber hinaus handelt es sich bei dem Streifen nicht einmal um einen verklärten Kritikerliebling, sondern generell um einen der am schlechtesten bewerteten Filme im A24-Katalog.
Und zugegeben: „Charlies Welt“ ist wahrlich kein Meisterwerk, aber ein wenig besser als sein Ruf ist er schon. Regisseur Roman Coppola, der übrigens nicht der einzige Coppola sein wird, dem wir in dieser A24-Retrospektive begegnen werden, hat definitiv ein Auge für visuell ansprechende Bilder. So wird Charlies Fantasie, die er eigentlich nur beruflich braucht, auch in sein Privatleben übertragen – und das führt dazu, dass man nie ganz weiß, wie die nächste Szene aussehen oder ausgehen wird. Egal, ob gigantische Hot Dogs, Bill Murray in John-Wayne-Montur oder Gene-Kelly-esque Tanzeinlagen nach der eigenen Beerdigung: Fans kreativer Bildansammlungen bekommen das, was sie schon immer wollten. Außerdem habe ich mir sagen lassen, dass man heutzutage per Feuerkommando erschossen wird, wenn man sich nur traut, einen Film derartig gut und bunt auszuleuchten.
Wes und Woodys Baby
Gleichzeitig beweist Roman Coppola, dass er keine Ahnung vom Geschichtenerzählen hat. Er versucht, den „quirky“ Ton eines Wes Anderson mit dem gesellschaftsdurchschauenden Blick eines Woody Allen zu vermengen, und stülpt diesem seltsamen Gewand einen gewissen Biss über, der aber viel zu edgy ist.
So schön Tanzeinlagen, John-Wayne-Monturen und gigantische Hot Dogs auch sind, ändert das nichts daran, dass man eher die „Haha, schau mal, wie random dieser Indie-Film ist“-Mentalität der frühen 2010er bedienen wollte. Aber augenscheinlich war genau diese Haltung nicht ausreichend, um die ganzen Millennials mit Zeigefinger-Schnurrbärten in die Kinos zu locken. Über weite Strecken hat man eher das Gefühl, einem Vorboten TikToks beizuwohnen, der in verschiedensten Vignetten vom Leben eines Mannes erzählt, der eigentlich gar keine Probleme hat.
Schwer zu hassen, schwer zu mögen
Am Ende des Tages steht „A Glimpse Inside the Mind of Charles Swan III“ zwischen allen Stühlen und wirkt etwas zu ambitioniert für das Jahr 2012. Ich bin mir ziemlich sicher: Wenn man A24-Jüngern und -Jüngerinnen diesen unbeholfenen Guss heute auftischen würde, würden sie „Charlies Welt“ zu einem „missverstandenen Meisterwerk“ verklären – und gleich danach den gigantischen Hot Dog im A24-Shop für 599,99 USD (zzgl. 37,95 USD Versand) erwerben.
Nun ist der Film aber 2012 erschienen, und voraussichtlich hat bis jetzt auch niemand mehr über „Charlies Welt“ gesprochen. Gewissermaßen ist das in Ordnung, aber andererseits sollte man nie vergessen, wo man herkommt … aus „Charlies Welt“ scheinbar. Was bleibt, ist ein unsäglich durchmischter Vorbote all dessen, was noch auf Sie, liebe Leser und Leserinnen, und mich wartet. Aber dass ich mich nur ansatzweise daran erinnere, was in diesem Film passiert ist, wenn wir am Ende dieser Liste ankommen, bezweifle ich doch sehr.