Filmbros, die die „animation is cinema“-Schiene bedienen, haben mit „Wildwood“ ihren Film des Jahres gefunden. Könnte es jedoch sein, dass es gute Gründe dafür gibt, dass Stop-Motion trotzdem an den Kinokassen baden geht?
„Wildwood“ will hoch hinaus, aber das Publikum scheint die Vision nicht ganz zu teilen. BILD: TMDB
Meine Damen und Herren, mein ehemaliger TV-Movie-Kollege (und Golden-Globe-Voter) Tjark Lorenzen schrieb vor einigen Tagen in seiner Letterboxd-Kritik zu „Shaun das Schaf – Spuk im Kürbisfeld“ Folgendes: „Als Kind weiß man die Mühe hinter handgemachten Filmen dieser Art noch nicht zu schätzen, doch gerade im KI-Zeitalter ist es erwähnenswert, wie viel Arbeit und Herzblut in die Produktionen von Aardman fließt.“
Und gewissermaßen hat er mit dieser Aussage nicht unrecht. Stop-Motion-Kino ist ein aufwendiger, minutiös durchgetakteter Prozess, der zumindest voraussetzt, dass man sich über jedes einzelne Bild viele Gedanken gemacht hat. Häufig wünschte ich mir aber auch bei Stop-Motion-Filmen einfach, dass sich irgendwer Gedanken rund ums Drehbuch machen würde, denn wie „Wildwood“ von Laika zeigt, brauchen auch technisch aufwendige Filme eine gute Geschichte – und die hat Travis Knights verklärtes Epos definitiv nicht.
Worum geht es in „Wildwood“?
Prue (Peyton Elizabeth Lee) guckt nicht schlecht, als ein Schwarm Raben ihren Baby-Bruder Mac greift und ihn in einen vernebelten, abgelegenen Wald entführt. Mit ihrem Klassenkameraden Curtis (Jacob Tremblay) im Schlepptau nimmt sie die Verfolgung auf und merkt schnell, dass an diesem Wald irgendetwas anders ist. Sprechende Kojoten führen Krieg gegen im Wald hausende Banditen, und zwischendrin gibt es noch Fraktionen von Menschen und anthropomorphen Tieren, die in bürokratischen Verhältnissen leben. Auf der Suche nach ihrem Bruder fällt Prue auf, dass jede Gruppierung ihre eigenen Interessen verfolgt – aber kaum jemand hat derartig finstere Absichten wie die Kojoten-Königin Alexandra (Carey Mulligan), die ein finsteres Geheimnis birgt.
Eine Brust, zwei Herzen
Ich müsste wirklich, wirklich tief in mich gehen, um mich daran zu erinnern, wann ich das letzte Mal eine derartig blasse Protagonistin wie Prue im Kino erlebt habe. Die Teenagerin gleicht einem nahezu blanken Blatt Papier, auf dem sich in kleinster Schrift Behauptungen von Charaktereigenschaften entnehmen lassen – allen voran, dass sie selbst alles Kindliche ablehnt. Warum, erfahren wir nicht wirklich, aber das ist auch egal, denn der Versuch einer Heldenreise in Bezug auf Prue geht ohnehin vollends schief.
Früher oder später kommt ihre Figur an Wendungen an, die sich aber nie organisch anfühlen, da es nie Anhaltspunkte dafür gab, dass sie irgendeine Form von Charakterentwicklung durchlaufen hat. Ja, sie durchläuft verschiedenste Situationen, aber eine wirkliche Lehre zieht sie aus diesen selten. Und dennoch versucht mir der Film zu vermitteln, dass sie gegen Ende eine vollends andere Prue als zu Beginn des Films ist.
Umso absurder wird dieser Umstand noch viel eher, wenn man bedenkt, dass ungefähr ein Drittel der (viel zu langen) Laufzeit von Curtis eingenommen wird, in dem eine tatsächliche Heldenreise schlummert. Jede Situation, in der man diese anfänglich doch recht anstrengende Figur trifft, bringt ihn und seinen Charakter voran – und am Ende hat man tatsächlich das Gefühl, dass hier jemand gereift ist und trotzdem Teile seines Seins behalten durfte.
Es ist schwer, böse zu sein
Und per se möchte ich, dass Regisseur Travis Knight auch Teile seines Seins beibehält, denn im Grunde ist das Konzept eines Nepo-Babys, welches seine Massen an Geld verwendet, um Filme mit einer tatsächlichen künstlerischen Vision ins Kino zu bringen, ehrenwert. Das Problem ist aber, dass Knight es auch liebt, sich in seinen viel zu langen Geschichten zu verlieren und dann hofft, dass das pure Staunen über Stop-Motion ausreicht, um Langeweile zu substituieren.
Aber das tut das pure Staunen nicht, denn die gesamte Geschichte rund um „Wildwood“, so visuell ansprechend sie sein mag, vermag einfach nicht aufzuhören und erzählt gleichzeitig zu wenig. Abgesehen von Prue, die nicht viel hergibt, bekommt man von allen Aspekten des Worldbuildings immer nur Fragmente mit, die zwar in sich schlüssig sind, aber nicht unbedingt mehr zur Geschichte beitragen (Stichwort: bürokratische Fraktion).
Die große Frage danach, welches finstere Geheimnis in den Wäldern schlummert, ist schnell gelüftet, und die zweite große Wendung bedarf derartig viel Exposition, dass der Film für eine weitere Viertelstunde vollends entschleunigt wird – und wirkt fast so, als wolle man rechtfertigen, dass die vielen berühmten Sprecher und Sprecherinnen wie Jake Johnson auch noch ein paar Zeilen Dialog bekommen. Denn wie man weiß, lieben Kinder es, wenn berühmte Personen Figuren wie Prues Vater spielen.
Für wen ist „Wildwood“ eigentlich?
Generell habe ich mich immer wieder gefragt, für wen „Wildwood“ eigentlich sein soll. Für junge Kinder ist ein Film, der rituelle Opferungen von Säuglingen andeutet, definitiv nichts, aber selbst älteren Kindern dürften die Ernsthaftigkeit und der Schwermut der Geschichte noch zu viel sein.
Gleichzeitig bringen viele Figuren eine gewisse Leichtfüßigkeit mit, die auch Erwachsenen aufstoßen dürfte, was mich schlussendlich nur mit der Annahme zurücklässt, dass der Film eventuell nur für Tweens konzipiert sein könnte. Aber Tweens interessieren sich für andere Dinge und nicht unbedingt für märchenhafte Epen, in denen Kinder dem Grauen eines Krieges ausgesetzt werden, den sie nicht gestartet haben.
Obgleich unklar ist, für wen „Wildwood“ sein mag, scheint sich ohnehin herauszustellen, dass der Film Schwierigkeiten hat, ein Publikum zu finden, denn bisher (Stand: 5. November 2026) hat man gerade so die Hälfte seiner Produktionskosten eingespielt. Wohin sich das noch entwickeln soll, weiß niemand. Was ich aber weiß, ist, für wen dieser Film definitiv nichts war: mich.