„Beware Boiúna“: Die homophobste Schlange im Dschungel – Kritik

Große Schlangen sind auf dem Papier mehr als cool, aber „Beware Boiúna“ beweist, dass sich auch die längsten Exemplare früher oder später in den eigenen Schwanz beißen …

Alli (Jessica Rothe, r.) und Lena (Kiana Madeira, l.) wollen Menschen in Kolumbien helfen … doch früher oder später werden sie selbst Hilfe brauchen. BILD: Ana María Gallón/Lionsgate

Meine Damen und Herren, Constantin Film hat Blut geleckt – im wahrsten Sinne des Wortes, denn nachdem sich der Vertrieb von „Backrooms“ sowie das Produzieren von „Resident Evil“ mehr als ausgezahlt haben, scheint man wieder vermehrt auf Horror setzen zu wollen. Selbstverständlich war der neueste Constantin-Horrorstreifen „Beware Boiúna“ zum Zeitpunkt dieser Erfolge bereits abgedreht, aber das schließt ja nicht aus, dass dahinter trotzdem ein neuer Kurs für die Produktionsgesellschaft stecken könnte. Aber sollte man angesichts des Schlangenhorrorfilms überhaupt an diesem Kurs festhalten?

„Beware Boiúna“: Handlung

Alli (Jessica Rothe) ist eine Medizinstudentin, die zur Crew eines Doktors gehört, der in Kolumbien auf einem Dampfer von Ort zu Ort fährt, um den dort lebenden Personen zu helfen. In einem dieser Dörfer kommt es zu einem tödlich endenden Vorfall zwischen Alli, ihrer Kollegin Lena (Kiana Madeira) sowie einem sexuell übergriffigen Mann. Die Damen vertuschen den Vorfall, doch als der Vater des Verstorbenen (Logan Marshall-Green) davon Wind bekommt, macht er Jagd auf die Crew des Flussdampfers. Und inmitten dieses Wirrwarrs fällt niemandem auf, dass sich im Morast des Amazonas eine noch viel größere und längere Gefahr versteckt.

Schlangen bitte am Ende der Schlange anstellen

„Beware Boiúna“ ist kein furchtbarer Film. Viel eher steht dem Streifen im Weg, dass er ewig braucht, bis er endlich dort ankommt, wo er ankommen soll. Ich meine zu glauben, dass man versucht, das Publikum über weite Strecken in die Irre zu führen – insbesondere dann, wenn es darum geht, wer die Hauptfigur des Films sein soll. Und per se ist es gar kein schlechter Ansatz, dem Publikum einen Red Herring unterjubeln zu wollen … immerhin hat das 1996 auch schon in „Scream“ funktioniert. Was „Scream“ aber schon vor 30 Jahren verstanden hat, ist, dass man die Hauptfigur noch innerhalb der ersten zehn Minuten der Handlung austauschen kann. „Beware Boiúna“ traut sich aber erst nach der Hälfte der Handlung, Figuren zu substituieren.

Dadurch wird aber auch unklar, worauf jetzt der Fokus gelegt werden soll: Zwar wütet nun endlich nach einer Dreiviertelstunde voller schockfreier und ungruseliger Belanglosigkeiten die gigantische Schlange Boiúna umher, aber auf der anderen Seite offenbart sich uns nun eine vollkommen neue Hauptfigur, die aber kaum irgendeine Charakterzeichnung durchlaufen hat und diese wahrscheinlich auch nicht mehr bekommen wird. Somit ist es einem egal, wem was in diesem Film passiert, und man hofft einzig und allein darauf, dass die Schlange endlich alle aufmümmelt.

Inkonsequent oder feige?

Und es ist nicht so, als würde in der sich offenbarenden Hauptfigur keine Dringlichkeit schlummern, aber aufgrund inkonsequenter Drehbuchentscheidungen kommt diese niemals zur Geltung. Tief unter den Schuppen der Handlung schlummern leichte lesbische Untertöne, die, wenn man sie ausgespielt hätte, zumindest dazu beigetragen hätten, dass man sich etwas mehr in die Hauptfigur hineinfühlen kann. Doch stattdessen kommt die homophobste Schlange im gesamten Amazonas angeschwommen und nimmt unserer Protagonistin jegliche Motivation – im wahrsten Sinne des Wortes.

Man versucht zwar noch, die Brücke zu einem Bruder zu schlagen, der urplötzlich zum Dreh- und Angelpunkt im Leben unserer Protagonistin wird, aber früher oder später fragt man sich, ob man vielleicht einfach einen Film über eine große Schlange gucken könnte.

Boiúna oder Boiúnein?

Was „Beware Boiúna“ in seinem bemüht-elevated-Horror-Dasein nämlich vollends vergisst, ist, dass Personen, die dafür zahlen, eine Riesenschlange zu sehen, per se erst mal eine Riesenschlange sehen wollen. Aber Regisseur Mike P. Nelson scheint sich stellenweise mit Steven Spielberg verwechselt zu haben, denn wahrscheinlich budgetbedingt bleibt Boiúna für einen wirklich langen Zeitraum abwesend.

Und das ist sehr schade, da das riesige Reptil, wenn man es zu Gesicht bekommt, regelrecht furchteinflößend wirken darf. Die CGI-Effekte sind hierbei nie schlecht, sondern können sich durchaus sehen lassen, auch wenn ein Wesen mit dunklen Schuppen in der Dunkelheit des Amazonas schnell aus dem Blickfeld der Figuren und des Publikums verschwindet.

So hangelt man sich in der zweiten Hälfte noch an ein paar Setpieces entlang, bis alles in einem regelrecht albernen Finale mündet, das dem Publikum aber immerhin vermitteln möchte, dass ein korrekter Umgang mit der Natur dafür sorgen kann, dass die Riesenschlange einen verschont. Schade, dass Boiúna keine Brüder und Schwestern hat, die durch die Elbe schwimmen.

„Beware Boiúna“: Kann man machen, sollte man aber nicht

Zumindest in Hamburg ist gerade schon zu vermuten, wohin die Reise für „Beware Boiúna“ geht, und das Ziel scheinen die Sneaks der Stadt zu sein. Und per se ist „Beware Boiúna“ der perfekte Film für eine Sneak, denn niemand, der in eine Sneak geht, erwartet, dass einem unbedingt Qualität geboten wird.

Wer tatsächlich noch nie einen Film mit einer riesigen Schlange gesehen haben sollte, dürfte von „Beware Boiúna“ vielleicht minimal überrascht werden, aber andererseits erscheint der Film auch erst am 12. November in den deutschen Kinos – eine Zeit, in der die meisten den Grusel langsam für die Weihnachtsvorbereitungen ad acta legen. In dem Sinne ist der Name gewissermaßen auch Programm: Hütet euch vor Boiúna!

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