„Clayface“: Ist die Fresse voller Lehm, wird der Sex unangenehm – Kritik
Das DCU lebt, atmet und wächst weiter. Und auch wenn man nach „Clayface“ nicht unbedingt schlauer ist, was der Kurs sein soll, dürften DC- und Horrorfans trotzdem ihren Spaß haben …
Schauspieler Matt Hagen unterzieht sich einer gefährlichen Behandlung – und bekommt mehr, als er sich wünscht. BILD: Warner Bros.
Meine Damen und Herren, die Überschrift lässt es zwar vermuten, aber in „Clayface“ hat niemand beim Sex Lehm im Gesicht. Tatsächlich dürften das aber auch die wenigsten in Bezug auf einen Film rund um einen Batman-Schurken aus der zweiten Reihe erwarten. Dennoch muss man feststellen, dass sich das Kinopublikum generell etwas unsicher sein dürfte, warum überhaupt ein „Clayface“-Film erscheint. In jedem anderen cinematischen Universum widmet man sich Figuren aus der zweiten Reihe immerhin erst dann, wenn die A-Kaliber aufgebraucht sind oder keine Lust mehr haben. Umso absurder ist vielmehr die Tatsache, dass „Clayface“ das absolute Zeug dazu hat, einer dieser A-Kaliber zu werden.
„Clayface“: Worum geht es in dem DC-Horrorfilm?
Schauspieler Matt Hagen (Tom Rhys Harries) liegt die Welt zu Füßen. Nicht nur dreht er gerade einen neuen Film, sondern findet am Set auch noch heraus, dass er für einen Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert wurde. Doch eine Pressetour, die ihn in seine alte Heimatstadt Gotham führt, endet verhängnisvoll, als sich nach einer langen Nacht herausstellt, dass sein One-Night-Stand die Freundin eines skrupellosen Mafiabosses (David Dencik) ist. In einem Akt fehlgeleiteter Rache entstellt dieser das Gesicht des schönen Schauspielers und ruiniert somit seine Karriere. In einem verzweifelten Versuch, sein Leben wieder in die richtige Bahn zu lenken, bittet er die Wissenschaftlerin Caitlyn Corr (Naomi Ackie), ihm zu helfen – doch ebenjener Hilferuf soll katastrophale Folgen für Matts Körper haben.
Zum Glück kein „Joker“
Stellenweise erinnert „Clayface“ in seiner fast zweistündigen Laufzeit an den furchtbar verquarzten und inspirationslosen „Joker“ aus dem Jahr 2019. Ein Film, der seine Geschichte damals derartig überhöhte und sich so frivol bei größeren filmischen Vorbildern bediente, dass es beinahe an Frechheit grenzte – und vor allem meiner Meinung nach in einem sehr spaßbefreiten Endprodukt mündete. Aber „Clayface“ weiß genau, was er sein soll.
Prinzipiell ist „Clayface“ genauso leicht formbar und wandelbar wie seine Hauptfigur. Hier steckt der Ansatz von „Joker“ aber auch in der Parole „All it takes is one bad day“ aus dem vielerorts gefeierten Batman-Comic „The Killing Joke“. Statt sich aber selbst zu ernst zu nehmen, wird das Ganze ein wenig mit den wegweisenden Filmen des Body Horrors (allen voran „Die Fliege“ und „The Substance“) zusammengemixt. Was am Ende herauskommt, ist ein spaßiger, kurzweiliger Film, der weiß, wie albern das Konzept eines Mannes aus Lehm ist, und kein Problem damit hat, den albernen Unterton auch mal lauter auszuspielen. Aber ist inmitten des gesamten Spaßes wirklich Platz für Grusel?
Ist „Clayface“ ein gruseliger Film?
Viele Personen meiden Body Horror kategorisch, da die Angst davor, dass sich der eigene Körper verändert, doch etwas zu nahbar ist. Das ist ein durchaus verständliches Gefühl. Dennoch habe ich das Gefühl, dass „Clayface“ gerade für all jene gemacht wurde, die einen leichten Einstieg in den Body Horror wollen. Denn „Clayface“ ist ein sehr seichter Film, der gelegentlich schon etwas inkonsequent wirkt.
Obwohl … inkonsequent ist vielleicht nicht einmal das richtige Wort. Dissonant trifft es viel eher. Einerseits schreckt „Clayface“ in vielen Momenten davor zurück, zu zeigen, wie belastend es sein kann, wenn sich der eigene Körper gegen einen wehrt, aber in anderen Momenten zeigt man nahezu ausgelassen und glücklich Selbstverstümmelung. Daraus ergibt sich das Problem, dass sanftere Seelen hin und wieder mehr bekommen, als sie wirklich sehen wollen, und härtere Horrorhaudegen sich gelegentlich fragen dürften, ob sie nicht doch eher Teen-Horror schauen. Aber per se ist das in Ordnung, denn Horror ist immer ein Spektrum.
Was bedeutet „Clayface“ für das DCU?
Die Frage ist hingegen etwas schwieriger zu beantworten. Einerseits zahlt der Film auf die Monster ein, die dem Publikum im ersten DCU-Kapitel „Gods and Monsters“ versprochen wurden, aber andererseits ist es ein befremdliches Gefühl zu wissen, dass „Clayface“ im Gotham der Gegenwart wütet und weit und breit kein Batman in Sicht ist – ein Umstand, der sich im Übrigen auch vorerst nicht ändert, denn ebenso wie „Supergirl“ ist „Clayface“ ein rundes, in sich geschlossenes Seherlebnis ohne Post-Credit-Szene.
Doch vielleicht ist gerade das der richtige Ansatz fürs DCU. Statt schon im Vorfeld die ganze Zeit zu proklamieren, wie krass und gewaltig alles irgendwann sein wird, ist es viel erfrischender, sich auf eine Reise führen zu lassen, von der man nicht wirklich weiß, wo sie hingeht. Das MCU würde sich niemals trauen, einen 30-Millionen-Dollar-Horrorfilm über einen Bösewicht aus der zweiten Reihe zu veröffentlichen, aber bei einem solch niedrigen Budget kann das DCU so viel experimentieren, wie man will – was im Falle von „Clayface“ ein klarer Win für das gesamte Publikum ist.
„Clayface“: Lahm oder Lehm?
Prinzipiell hat „Clayface“ beste Karten, das horrorfreudige Herbstpublikum hervorzulocken, da in der diesjährigen Saison kaum andere große Horrorfilme stattfinden. Im Grunde ist das aber gar kein schlechter Umstand, denn anstelle einer klaren Übersättigung eines Genres bekommen DC-Fans einen Horrorfilm, der sich endlich mal auf einen wirklich interessanten Batman-Bösewicht fokussiert. Und das normale Publikum bekommt immerhin einen Horrorfilm, der auch für sich steht und sich vor niemandem verstecken muss.
Body Horror haben dieses Jahr zwar schon „Resident Evil“ und „Whalefall“ besser gemacht, aber „Clayface“ nimmt das Konzept und versucht vielmehr, Fans von „Joker“ anzusprechen, die zufälligerweise auch eine Vorliebe für John Carpenters vergessenen Diamanten „Jagd auf einen Unsichtbaren“ haben. Kurzum: Campy, cool, „Clayface“.